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Vernichtungskrieg

Besprechungen:

Joachim Wintzer: Deutschland und der Völkerbund 1918-1926, Paderborn 2006

"Im Jahr 2002 beanspruchte eine deutsche Regierung einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der UNO und gab zur gleichen Zeit bekannt, einem Beschluß des Sicherheitsrats nicht Folge leisten zu wollen. Siebenundsiebzig Jahre zuvor beanspruchte eine deutsche Regierung einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat und Freistellung von den Verpflichtungen der Satzung bei militärischen Sanktionen." Mit diesem trefflichen Vergleich eröffnet Joachim Wintzer seine Erörterungen über "Deutschland und den Völkerbund" in den Jahren 1918 bis 1926.

Das jetzt vorgelegte Buch ist einmal mehr ein Beweis dafür, daß es in Historikerkreisen gerne etwas länger dauert. Es handelt sich um die Druckausgabe einer Dissertation, die Wintzer bereits 1998 in Heidelberg eingereicht hat. Der gewählte Zeitausschnitt umfasst jene Jahre, als das Deutsche Reich selbst nicht Mitglied des Völkerbunds war, sondern wegen angeblicher Alleinkriegsschuld am Ersten Weltkrieg aus dieser neuesten Errungenschaft indirekter westlicher Herrschaftsausübung ausgeschlossen blieb. Damit war allerdings insofern keine exklusive Außenseiterrolle Deutschlands verbunden, als auch die Vereinigten Staaten von Amerika und die neugegründete Sowjetunion der neuen Organisation ebenfalls fernblieben. Der Völkerbund war unvollständig und blieb dies für ganze Zeit seiner Existenz. Zudem haftete ihm stets der Geruch an, lediglich eines jener immer feineren Mäntelchen zu sein, mit denen die Westmächte ihren Imperialismus zu verkleiden versuchten, wie A.J.P. Taylor einmal spöttisch formuliert hat. Im Namen internationalen Rechts übte der Völkerbund, will sagen: die Siegermächte, die Aufsicht über die Neuaufteilung der Welt aus der Konkursmasse des türkisch-osmanischen Reichs und der deutschen Kolonialgebiete aus. Zugleich war es an ihm, den größten Blankoscheck der Weltgeschichte einzulösen, den Versailler Vertrag.

Wintzer arbeitet die Stationen nach und nach ab. Reparationsverhandlungen in Genf und Spa, die Ruhrgebietsbesetzung, die Teilung Oberschlesiens sind bekannte Stichworte. Dazu gesellen sich analysierende Betrachtungen, etwa über die Interdependenz des Staatensystems. Der Autor räumt freimütig ein, während der Arbeit selbst einen Lernprozeß absolviert zu haben. Eine Zeitlang sei er der Ansicht gewesen, mit der Prämisse, "Demokratien führen keinen Krieg gegeneinander" einen archimedischen Punkt gefunden zu haben, mit dem man die Revisionspolitik der Weimarer Republik hätte erklären können. Obwohl er von diesem besonders in der amerikanischen Politikwissenschaft gerne wiederholten Schlagwort Abstand gewonnen hat, merkt man seiner Wortwahl doch das stille Wirken einer ganzen Reihe von Klischees vergleichbarer Herkunft an. So geraten ihm manche Passagen zu jenem entschiedenen Einerseits-Andererseits, das so viele neuere Arbeiten deutscher Historiker kennzeichnet. Widersprüchliches steht fast unmittelbar nebeneinander.

Dazu gehört, daß Wintzer den Siegermächten ein berechtigtes Misstrauen zugesteht, ob sich Deutschland nach 1918 wirklich "gewandelt" habe und mit einem hörbaren Anklang an Josef Stalin etwas geschraubt doziert: "Die Geschichte lehrt, daß militärische Erfolge der siegreichen Seite ‚nur' eine völkerrechtlich gesehen zulässige Möglichkeit eröffnen, (zeitweise) in den demokratischen Prozeß der Verlierer einzugreifen." Aus welchen Fällen der Autor diese Lehren der Geschichte von Krieg und Sieg als Demokratisierungsschub herausgezogen haben will, dazu hätte man gern mehr erfahren. Gerade manche der von Wintzer herausgearbeiteten Beispiele aus der Zeit nach 1919 sprechen dieser Auffassung deutlich Hohn. In Kriegen pflegt es weniger um demokratische Neugestaltung als vielmehr um Land, Finanzen und letztlich Macht zu gehen. Tatsächlich setzt der Autor nur kurze Zeit später selbst damit fort, den alliierten Eingriffen in die deutsche Innenpolitik und Souveränität unter Verweis auf Kraft und Stabilität des Kaiserreich und die Vorgeschichte jede Berechtigung abzusprechen. "Es gab keinen Grund, der deutschen Demokratie den Status eines von den Siegern semisouveränen Gebiets, dauerhaft aufzuzwingen." Die Sieger seien deshalb mitverantwortlich, wenn in Deutschland immer die moralische Frage der Gerechtigkeit der Friedensregelung diskutiert worden sei.

Dies bleibt selbst in der Kritik noch der westlichen Selbstinterpretation als selbstlose Demokratiehüter sehr verpflichtet, vielleicht zu sehr, um bis zur Realität des Völkerbunds durchzudringen und ihn als Ort des üblichen machtpolitischen Zynismus zu begreifen. Immerhin ist es zu begrüßen, wenn zwischen dem sonst so oft zu hörenden Wortgeklingel der Geschichtsschreibung über Kultur- und Sozialgeschichte einmal wieder eine detaillierte und politikgeschichtlich orientierte Studie zu den internationalen Beziehungen erscheint. Bis an deutschen Universitäten die Machtfrage offen gestellt werden kann, wird es allerdings wohl noch dauern, auch dies läßt sich aus Joachim Wintzers umfangreicher Studie herauslesen.

Vielleicht wird auch erst dann eine angemessene Abhandlung über den erheiternden Versuch der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Schröder erscheinen können, gegen den erklärten Willen der Vereinigten Staaten und mit einem begleitenden Fußtritt gegen die Washingtoner Außenpolitik die Aufnahme als Ständiges Mitglied in den UN-Sicherheitsrat erzwingen zu können. Insofern gibt der Eingangs gezogene Vergleich des Autors zwischen den Bemühungen von Schröder 2002 und Stresemann 1925 einen Hinweis auf das geänderte Gewicht Deutschlands in der internationalen Politik: Das deutsche Reich erhielt schließlich einen ständigen Sitz im Völkerbundsrat, ohne sich militärisch einspannen lassen zu müssen.

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