|
|
|||||||||||||
|
Vernichtungskrieg Besprechungen: Michael Epkenhans/Jörg Hillmann/Frank Nägler (Hrsg.): Skagerrakschlacht. Vorgeschichte – Ereignis – Verarbeitung, München 2009, 390 Seiten. (Teil 2 der Besprechung) Michael Epkenhans’ Abhandlung "Die Kaiserliche Marine 1914/15. Der Versuch der Quadratur des Kreises" befaßt sich mit der Schwierigkeit für die deutsche Flottenführung, die Briten zu einer Seeschlacht unter für sie ungünstigen Bedingungen zu zwingen. Diese "Quadratur des Kreises" sei zum Scheitern verurteilt gewesen, meint Epkenhans. Recht hat er, nur trifft das vice versa auch auf die Engländer zu. Die deutsche Seite und besonders Tirpitz kommen bei ihm nur sehr schlecht weg, die Wortwahl macht dies deutlich. Deutsche Niederlagen zur See sind bei ihm, "Desaster" (S. 119), "Debakel" (S. 122), frühzeitig abgebrochene Unternehmen "verpaßte Chancen" (S. 121). Mißerfolge ähnlichen (oder gravierenderen) Charakters der Engländer werden verschwiegen, so der Verlust dreier Panzerkreuzer durch Torpedos von U 9 am 22. September 1914 oder gar die Katastrophe an den Dardanellen. An Tirpitz ist grundsätzlich alles kritisierenswert, zwar könne man ihm nicht vorwerfen, in der Julikrise zum Krieg gedrängt zu haben, verhindern wollte er diesen aber auch nicht (S. 114). Ja, bleibt da zu fragen, wer außer vielleicht dem Kaiser, wollte das denn? Werner Rahn endlich beschäftigt sich in "Die Seeschlacht vor dem Skagerrak: Verlauf und Analyse aus deutscher Perspektive" mit dem Kampfgeschehen auf See selbst, und er macht es souverän und spannend. Der Erfolg der Deutschen sei zurückzuführen auf die größere Standfestigkeit der Schiffe (S. 163), die bessere Munition sowie die besseren Sicherheitsbedingungen und –maßnahmen (Leckabwehr) an Bord. Darüber hinaus habe britische Offiziere eine Entschlußmüdigkeit ausgezeichnet (S. 184/85), die die Durchführung als richtig erkannter Maßnahmen verzögert habe. Trotz der sachlich einwandfreien Darstellung finden sich in den Fußnoten ungerechtfertigte Vorwürfe an die Person Tirpitz’, dessen Flottenpolitik die kleinen Einheiten vernachlässigt habe, obwohl deutsche Werften hier Hervorragendes leisteten. Rahn übersieht, daß Tirpitz a) nie rüsten konnte, wie er gewollt hat, da er nur das politisch Machbare verwirklichen konnte und b) in der Präferenz des Baus von Großkampschiffen ein Kind seiner Zeit war, also das tat, was Briten, Franzosen, Russen, Amerikaner und Japaner auch taten.2 Auf die Menschenverluste der Schlacht bezogen, meint Rahn bemerken zu müssen, daß nur die toten und verwundeten Offiziere namentlich in einer Meldung erwähnt werden. Dies sei bezeichnend für die Stellung der Seeoffiziere (und unausgesprochen der Mannschaften) in der Kaiserlichen Marine (S. 267). Die Meldung, auf die sich Rahn bezieht, wird ebenfalls publiziert (S. 276). Der Rezensent staunte nicht schlecht, als er las, daß es sich um eine Meldung nach einem Winkspruch handelte, also einem Kommunikationsmittel, bei dem Nachrichten mittels Flaggensignalen übermittelt werden. Daß solche Signale so kurz wie möglich gehalten werden müssen, versteht sich von selbst. Wem das nicht einleuchten will, sollte zumindest mit der in solchen Fällen üblichen Praxis in der Royal Navy vergleichen, wenn er daraus mehr machen möchte als zeitgeistgemäße politische Abqualifizierungen vom sicheren Hafen moralischer Überlegenheit aus.3 John Brooks untersucht in "Beatty und die Führung des Schlachtkreuzerverbandes" die Nachkriegskontroverse zwischen den englischen Flottenführern, wer das "Debakel" vor dem Skagerrak zu verantworten habe. Brooks konstatiert, daß der Führer der britischen Schlachtkreuzer Beatty im Nachhinein die Fakten verfälschte, um von seinen Fehlern abzulenken. Eric Grove befaßt sich mit der "Erinnerung an die Skagerrakschlacht in Großbritannien" und beschreibt die Versuche, die Niederlage der Grand Fleet vor dem Skagerrak offiziell zu verschleiern (S. 305). Die Deutschen seien überlegen gewesen in Schiffbau, Schießleistungen und Kommandoführung (S. 301), was Ursache ihres Erfolges war. Der Beitrag von Jörg Hillmann: "Die Seeschlacht vor dem Skagerrak in der deutschen Erinnerung" ist der schwächste des ganzen Buches. Er behauptet, der Versuch, eine gesamtgesellschaftliche Deutung der Skagerrakschlacht herzustellen, sei gescheitert (S. 317). Dies kann Hillmann nicht nur nicht belegen, im Gegenteil, er widerlegt seine These selbst, wenn er einige Seiten später schreibt, die Schlacht (mit der Deutung eines Sieges) sei milieuübergreifend ins tägliche Leben der Menschen gerückt (S. 321). Jan Kindler bestätigt dies in "Die Skagerrakschlacht im deutschen Film", indem er betont, spätestens ab 1928 habe sich der Jahrestag der Schlacht als nationaler Gedenktag fest im öffentlichen Leben der Weimarer Republik etabliert. Der Essay von Michael Salewski "90 Jahre Skagerrakschlacht – Reflexionen" stellt die These auf, daß sich nichts geändert hätte, wenn die Hochseeflotte die Grand Fleet 1914 vernichtend geschlagen hätte. Die Deutschen hätten in England nicht landen können, zum Kreuzerkrieg im Atlantik wären die deutschen Schlachtschiffe nicht fähig gewesen: Begründungen oder Belege – Fehlanzeige! Daß mit der Vernichtung der englischen Flotte ein Ein- oder Durchbruch in den Kanal und damit eine Bedrohung oder Abschnürung der Nachschubwege über See für die Front in Nordfrankreich möglich gewesen wären, sieht Salewski nicht. Insgesamt bleibt ein zwiespältiger Eindruck zurück. Während bis auf eine Ausnahme (Rodger) die Briten vorurteilsfrei die Fakten wägen, haben ihre deutschen Kollegen offenbar immer auch das Ziel einer politisch wünschenswerten Ausdeutung der Ereignisse vor Augen. Interessant hierbei ist das ständige Beharren darauf, daß es Angehörige der deutschen Marine waren, die nach dem Ersten Weltkrieg die Geschichte dieses Krieges "regierungsamtlich" schrieben, ohne - so der Tenor - dafür (durch wissenschaftliches Hochschulstudium) qualifiziert zu sein. Süffisant wird darauf hingewiesen, akademische Qualifikation sei nachgereicht worden. (Dr. h.c.). Übersehen wird dabei aber, daß auch in England die Militärs die "offizielle" Geschichte verfaßten, Deutschland also auch auf diesem Gebiet keinen Sonderweg beschritt. Und ist es heute anders? Was tun denn die staatlich besoldeten Historiker im MGFA? Sie schreiben im Auftrag des Staates Geschichte und liefern die politisch gewünschte Deutung der Historie ab. Dieses Buch hat es erneut gezeigt. Endnoten: 1) Vgl. Hans-Jürgen Witthöft: Lexikon der deutschen Marinegeschichte, Herford 1977, Bd. 1, Stichwort Bundesflotte, S. 46; des weiteren siehe: Walter Hubatsch: Die erste deutsche Flotte 1848 – 1853, Herford/Bonn 1981. 2) Vgl auch Franz Uhle-Wettler: Die Seeschlacht vor dem Skagerrak und die Flotte des kaiserreiches, in: ders., Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte. Von Leuthen bis Stalingrad, Graz 32006, S. 211 – 249; zu Tirpitz allgemein: ders., Alfred von Tirpitz in seiner Zeit, Graz 22008. 3) Zum Thema Fehlentwicklungen vgl. Paul Simsa: Marine intern. Entwicklung und Fehlentwicklung der deutschen Marine 1888 – 1939, Stuttgart 1972 OH
|
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||
|
|
|||||||||||||