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Vernichtungskrieg Besprechungen: Heinrich Breloer: Die Akte
Speer - Spuren eines Kriegsverbrechers,, Berlin 2006 Wer
über bestimmte Personen aus eigenem Antrieb eine Akte anlegt, der hat oft
nichts Gutes vor. Gerade aus den totalitären Zeiten kennt man die Akte als
Geheimwaffe gegen politische Gegner, stets bereit, zum richtigen Zeitpunkt
aus der Tasche gezogen zu werden. Die "Akte Speer", die Heinrich
Breloer nun vorgelegt hat, so heißt es im Untertitel, sei die Akte eines
Kriegsverbrechers. In der Tat ist Albert Speer rechtskräftig zu zwanzig
Jahren Haft verurteilt worden, so daß es an der Wortwahl nichts zu deuteln gibt.
Dennoch wird sie hier nicht ohne weiterführende Absicht vorgebracht. Denn
ungeachtet seiner Haft genoß Speer im öffentlichen Leben der Bundesrepublik
wegen seines reuigen Verhaltens im Nürnberger Prozeß zeitlebens eine Art
Kronzeugenstatus. Er galt wie Heinrich Breloer einleitend schreibt, als
"geläuterter Edel-Nazi". Speer wirkte als ein anständiger Bürger,
der lediglich zu nah in den Bereich der Macht gekommen war. Obendrein fand er
einen einflußreichen, wenn auch ungelernten Historiker wie Joachim Fest, der
diese Version multiplizieren half und ihr den Stempel geprüfter
Glaubwürdigkeit verlieh. Die
Glaubwürdigkeit Speers hat nach seinem Tod deutlich gelitten, sie soll nun
insgesamt zerstört werden. Was dazu von Biographen wie Gitta Sereny und nun
von Breloer herbeizitiert wird, ist von recht unterschiedlicher Qualität.
Breloer räumt ein, kein Fachhistoriker zu sein und erhebt ehrlicherweise auch
keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er spricht vom Umrißskizzen. Er zieht
dazu Bilder und Dokumente zu zahlreichen Punkten aus Speers Leben herbei,
geht auf den Architekten ein, den Rüstungsminister, den Büßer und die
Nachkriegsauseinandersetzungen um den möglichen Fälscher. Speer erwies sich
in diesen Affären als Durchsetzungsfähig, wie man modern sagen würde. Er
förderte erfolgreich, was ihm richtig schien, verschleppte, was er für falsch
hielt, gab nach, wo unverzichtbare Interessen gefährdet waren und schob
Verantwortung ab, wo immer er Probleme witterte. Menschliche oder kollgiale
Rücksichten warf er dabei gelegentlich über Bord. Insgesamt
entsteht im Buch dennoch ein zu einseitiges Bild. Wurden Breloers Film und
die zugehörige Dokumentation noch von Zeitzeugen wie dem gleichnamigen Sohn
Albert Speers getragen, der mit Distanz, aber nicht ohne Wohlwollen, vor
allem aber ohne larmoyanten Unterton sagte, was zu sagen war, so fehlt dieser
Abstand in der "Akte". Es wird genommen, was geeignet scheint,
Speer zu diskreditieren. Zwei
Beispiele für die etwas weniger gelungenen Skizzen seien genannt. Anders als
Speer in seinen Erinnerungen schreibt, könne es am Tag seiner Geburt keinen
Gewitterdonner gegeben haben, von dem das Geläut der Mannheimer
Christuskirche übertönt worden sei, heißt es im Buch. Gewitter habe es erst
nachmittags gegeben und die Christuskriche sei erst später fertiggestellt
worden. Einmal abgesehen von der begrenzten Relevanz dieser Feststellung für
das Gesamtbild eines "Kriegsverbrechers", geht dies an der Sache
vorbei. Wie jeder andere Neugeborene konnte Speer lediglich schreiben, was
seine Mutter ihm zu dieser Sache erzählt hatte, und daß die junge Mutter die
Geburt ihres Sohns an einem nachweislich gewittrigen Sonntag des Jahres 1905
verbunden mit Donner und Kirchengeläut in Erinnerung behalten haben kann,
sollte auch dem gehässigeren Betrachter nicht unmöglich scheinen. Ein
weiteres Beispiel ist die Reichskanzleiaffäre. Speer soll die Unwahrheit
gesagt haben, als er in seinen Memoiren behauptet hätte, die Neue
Reichskanzlei in Berlin in weniger als einem Jahr entworfen und gebaut zu
haben. Neugefundene Pläne, die bereits aus dem Jahr 1937 datieren, etwa ein
halbes Jahr vor der Auftragserteilung durch Hitler im Januar 1938, würden
dies beweisen. Nun hat Speer in seinen Erinnerungen jedoch gar nicht
geschrieben, er habe Pläne neu entwerfen müssen, sondern im Gegenteil
ausdrücklich festgehalten, sie seien lediglich "fertigzustellen"
gewesen, der Luftschutzbunker "sogar aus Handzeichnungen". Es liegt
nicht an Speer, wenn sich manche Biographen trotzdem nicht zur Schlußfolgerung
imstande sehen, daß gezeichnete Pläne für den Rest des Gebäudes bereits
vorhanden waren, als er das Startsignal für den Baubeginn erhielt. Hitler
sagte bei der Einweihungsrede im Januar 1939 ebenfalls ausdrücklich und
öffentlich, der Bau sei vor der Auftragserteilung in "zahlreichen
Besprechungen" mit Speer "gedanklich behandelt" worden. Natürlich
spart die "Akte Speer" den heikelsten Punkt in seiner Biographie
nicht aus, den Genozid an den europäischen Juden. Obwohl eingangs
ausdrücklich betont wird, der Leser solle sich selbst ein Bild machen, werden
die Herausgeber hier deutlich. Breloer räumt ein, daß es kein Zeugnis gibt,
"das ihn gleichsam direkt an den Gaskammern zeigt", will sagen: Es
fehlt sechzig Jahre nach Kriegsende und nach ungezählten Recherchen von allen
Seiten weiterhin der "rauchende Colt", der Beweis, daß Speer
während des Krieges über den Judenmord bescheid wußte. Dennoch erklärt
Breloer das Mitwissen des Allgewaltigen über die deutsche Kriegswirtschaft
als "über jeden vernünftigen Zweifel hinaus" erwiesen und eine
weitere Diskussion für überflüssig. Hier
zeigt sich der schnelle Wandel der Zeiten vielleicht am deutlichsten. Hielt
es in den sechziger Jahren noch ein internationales Publikum für möglich, daß
der totale Staat das Verschwinden von Millionen selbst vor ranghohen
Mitarbeitern tarnen konnte - wie er das auch energisch versuchte - so gilt
dies unter dem steten Einfluß der seither gewachsenen Kollektivschuldthese
jetzt als unglaubwürdig, ohne daß sich die Beweislage wesentlich geändert
hat. Die Akte Speer bleibt auch deshalb weiter offen.
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